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Die eigenen Fehler erkennen

„O ihr, die ihr glaubt! Kümmert euch um euch selbst. Wenn ihr auf dem rechten Weg seid, können euch diejenigen, die vom Weg abweichen, keinen Schaden zufügen.“
(Sure al-Māʾida, 5:105)


طُوبَى لِمَنْ شَغَلَهُ عَيْبُهُ عَنْ عُيوبِ النَّاسِ


„Glücklich ist, wer so sehr mit seinen eigenen Fehlern beschäftigt ist, dass ihm keine Zeit bleibt, nach den Fehlern anderer zu suchen.“
(al-Bayhaqī, Shuʿab al-Īmān, 13/142)


Wir Menschen leben in einer Welt, in der Fehler und Schwächen zum menschlichen Leben gehören. Es ist möglich, dass wir den Versuchungen unseres eigenen Egos oder des Teufels erliegen, falsche Entscheidungen treffen und Fehler machen.
Entscheidend ist jedoch nicht, fehlerlos zu sein. Entscheidend ist, eigene Fehler erkennen, sie ehrlich eingestehen und sich bemühen, sie zu verbessern.
Denn solange ein Mensch seine eigenen Schwächen nicht erkennt, kann er sich auch nur schwer von ihnen befreien.
Zu den größten Gaben, die Allah einem Menschen schenken kann, gehört daher die Fähigkeit, die eigenen Fehler und Schwächen zu erkennen.
Den eigenen Fehler wahrzunehmen, ist der erste Schritt, ihn zu überwinden.


1. Orientierung an Qur’an und Sunna
Der erste und wichtigste Weg besteht darin, zu unseren religiösen Quellen zurückzukehren.
Der Qur’an und die authentische Sunna zeigen uns den Weg und geben uns Orientierung. Durch ihre Beschäftigung können wir lernen, was im Islam erlaubt und verboten ist, was gutes und schlechtes Verhalten ausmacht und welche Eigenschaften den Menschen von Allah entfernen.
Deshalb ist es wichtig, sich mit zuverlässigen Büchern über islamische Ethik, Glaubenspraxis und Charakterbildung auseinanderzusetzen.


Denn:
Wer nicht weiß, was richtig und falsch ist, kann seine eigenen Fehler nur schwer erkennen.


2. Nachdenken, Selbstbeobachtung und Selbstprüfung
Ein weiterer Weg besteht darin, regelmäßig über sich selbst nachzudenken und das eigene Verhalten zu überprüfen.
Wer sich selbst niemals hinterfragt, wird bei Problemen schnell die Schuld bei anderen suchen. Er sieht überall Fehler, nur nicht bei sich selbst.
Ein Mensch, der dagegen innehält und sich fragt:
„Wo habe ich einen Fehler gemacht?“
„Was hätte ich anders machen können?“
„Warum ist dieses Problem entstanden, obwohl zunächst alles gut lief?“
beginnt, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Diese Haltung hilft dem Menschen, Hindernisse zu überwinden und aus seinen Erfahrungen zu lernen.
Deshalb sollten wir uns daran erinnern:
Bevor wir Rechenschaft ablegen müssen, sollten wir uns selbst zur Rechenschaft ziehen.


Dabei sollten wir nicht nur unsere Fehler überprüfen. Auch bei guten Taten sollten wir unsere Absichten hinterfragen. Denn selbst eine äußerlich gute Handlung kann von falschen Absichten, Stolz oder dem Wunsch nach Anerkennung begleitet sein.
Der gläubige Mensch wendet sich deshalb immer wieder Allah zu und bittet Ihn um Aufrichtigkeit und Reinheit des Herzens.
Menschen, die uns ehrlich auf unsere Fehler hinweisen
Kein Mensch kann alle seine eigenen Fehler erkennen. Deshalb brauchen wir aufrichtige Menschen in unserem Umfeld, die uns liebevoll auf unsere Schwächen aufmerksam machen und uns gegebenenfalls den richtigen Weg zeigen.
Ein wahrer Freund ist nicht nur jemand, der uns lobt. Ein wahrer Freund ist auch jemand, der uns respektvoll die Wahrheit sagen kann, wenn wir einen Fehler machen.


Die Haltung von Umar ibn al-Chattab ist hierfür ein beeindruckendes Beispiel. Wenn er mit Salman al-Farisi zusammenkam, fragte er ihn nach seinen eigenen Schwächen.
Auch Huzayfa ibn al-Yaman, dem der Gesandte Allahs ﷺ die Namen bestimmter Heuchler anvertraut hatte, fragte Umar sinngemäß:
„Bei Allah, bin ich einer von ihnen?“
Diese Haltung zeigt eine wichtige Eigenschaft eines gläubigen Menschen:
Nicht zu denken „Ich bin schon richtig“, sondern sich immer wieder zu fragen:
„Gibt es vielleicht einen Fehler an mir, den ich selbst nicht sehe?“


Es ist wichtig, aus begangenen Fehlern zu lernen und sie nicht einfach zu vergessen.
Wenn ein Mensch eine Sünde begeht oder einen schweren Fehler macht, sollte er nicht in Hoffnungslosigkeit fallen. Vielmehr sollte er sich unverzüglich Allah zuwenden, aufrichtig bereuen und um Vergebung bitten.
Reue bedeutet nicht, für immer in der Vergangenheit zu leben. Reue bedeutet, aus der Vergangenheit zu lernen und einen neuen Weg einzuschlagen.
Wenn die Erinnerung an einen früheren Fehler einen Menschen davor bewahrt, denselben Fehler erneut zu begehen, kann selbst diese schmerzhafte Erinnerung zu einer Quelle des Guten werden.
Deshalb gehören zur geistigen Entwicklung des Menschen drei Dinge:
Erkennen – Bereuen – Verändern.


Eine der größten Gefahren für den Menschen besteht darin, die Fehler anderer sehr schnell zu erkennen, während er die eigenen übersieht.
Wer ständig mit den Schwächen anderer beschäftigt ist, verliert leicht den Blick für sich selbst.
Der Gesandte Allahs ﷺ sagte sinngemäß:
„Wer sagt: ‚Die Menschen sind zugrunde gegangen‘, der ist selbst derjenige, der am meisten zugrunde gegangen ist.“
Diese Aussage warnt davor, andere Menschen pauschal zu verurteilen und sich selbst für besser zu halten.
Ebenso wird vom Propheten ﷺ überliefert:


„Wer seinen Bruder wegen einer Sünde beschimpft und ihm diese vorwirft, wird nicht sterben, bevor er nicht selbst in diese Sünde fällt.“
Die Botschaft ist eindeutig:


Wir sollten die Fehler anderer nicht zum Anlass nehmen, uns über sie zu erheben.


Wenn wir einen Fehler bei einem anderen Menschen sehen, sollte unser Ziel nicht sein, ihn bloßzustellen oder zu erniedrigen. Vielmehr sollten wir – wenn es angemessen ist – versuchen, ihn mit Weisheit und Barmherzigkeit zum Guten zu ermutigen.


Die islamische Ethik lehrt uns, die Fehler und Schwächen anderer nicht unnötig offenzulegen oder sie öffentlich bloßzustellen.
Vielmehr sollen wir Menschen zur Reue, zur Vergebung und zur Rückkehr zu Allah ermutigen.
In diesem Zusammenhang wird eine Begebenheit über den Propheten Musa (Mose), Friede sei mit ihm, überliefert: Trotz mehrerer Bittgebete um Regen blieb der Regen aus. Daraufhin wurde Musa darauf hingewiesen, dass sich unter seinem Volk Menschen befänden, die gesündigt hatten.
Als er wissen wollte, wer diese Menschen seien, wurde ihm sinngemäß mitgeteilt, dass Allah die Sünden Seiner Diener nicht öffentlich macht.
Stattdessen sollten alle gemeinsam Allah um Vergebung bitten.


Unabhängig von den Einzelheiten dieser überlieferten Begebenheit enthält sie eine wichtige ethische Botschaft:
Es ist nicht unsere Aufgabe, die Fehler anderer Menschen öffentlich zu machen. Unsere Aufgabe ist es, zur Reue und zur Verbesserung zu ermutigen.
Das ist ein Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit und eine Haltung, die auch unser eigenes Verhalten prägen sollte.


Ein Mensch mit gutem Charakter ist ein Vorbild


Ein Mensch, der sich ernsthaft mit seiner eigenen Entwicklung beschäftigt, hat wenig Interesse daran, ständig die Fehler anderer zu suchen.
Stattdessen versucht er, durch sein eigenes Verhalten ein gutes Beispiel zu sein.
Er begegnet negativen Worten mit Geduld, beantwortet schlechtes Verhalten möglichst mit Gutem und bemüht sich, andere nicht zu verletzen.
Denn manchmal ist das stärkste Mittel, einen Menschen zu erreichen, nicht das Wort, sondern das eigene gute Beispiel.
Wer selbst ehrlich, barmherzig, geduldig und verlässlich lebt, kann seine Mitmenschen inspirieren, ebenfalls nach diesen Werten zu leben.


Zuerst bei uns selbst beginnen


Die Fähigkeit, die eigenen Fehler zu erkennen, ist ein Zeichen von Reife.
Wer sich selbst immer für fehlerlos hält und die Ursache aller Probleme bei anderen sucht, wird sich nur schwer weiterentwickeln können.
Wer dagegen seine Fehler anerkennt, sich selbst hinterfragt, sich entschuldigen kann und zu Allah zurückkehrt, gewinnt jeden Tag an innerer Reife.
Sich den eigenen Schwächen zu stellen, macht einen Menschen nicht kleiner – es macht ihn größer.
Anstatt ständig die Fehler anderer zu zählen, sollten wir unsere eigenen Schwächen erkennen und daran arbeiten, sie zu überwinden.
Anstatt andere zu verurteilen, sollten wir uns selbst prüfen.


Anstatt die Fehler anderer offenzulegen, sollten wir versuchen, ihnen mit Barmherzigkeit und Weisheit zu begegnen.
Und vielleicht sollten wir uns jeden Abend eine einfache Frage stellen:
„Welche meiner Eigenschaften oder Handlungen sollte ich heute verbessern – und was habe ich dafür getan?“
Möge Allah uns zu Menschen machen, die ihre eigenen Fehler erkennen, sich aufrichtig um ihre Verbesserung bemühen, aus ihren Fehlern lernen, immer wieder zu Ihm zurückkehren und ein Leben führen, das Seinem Wohlgefallen entspricht.
Āmīn.

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