Die Seelen erreichen im einmonatigen Ramadan ihre volle Reife, vertiefen sich, reifen wie eine Frucht, die zur Blüte ansetzt, und treten in ein erwartungsvolles Werden ein; und plötzlich erscheint das Fest am Horizont wie eine Sonne. Das Fest kommt mit einem Gefühl, als wäre es die Essenz, der Saft eines ganzen Ramadans – ja sogar aller vergangenen Ramadane. Es umhüllt unser Sein wie ein warmes, unendlich sanftes Tuch, das aus den lichtvollsten Schichten der Himmel herabgesponnen und von den feinsten Händen der Engel gewoben wurde; und gleichsam wie eine Mutter nimmt es uns alle in den Arm und prägt unserer Seele die Barmherzigkeit und Sensibilität jener Sphären ein, aus denen es stammt. Wir gehören ganz ihm, und es gehört ganz uns… es streicht uns über die Stirn, als würde es nie gehen… küsst uns, als würde es zurückkehren… und entfernt sich schließlich von uns wie in einem Abschiedsritual.
Wir vernehmen diese Stimmen und Atemzüge des Festes, seinen Ton und seine Anmut, wie geheimnisvolle Klänge, die von jenen stammen, die mit Engeln vertraut waren und mit den Propheten lebten – Klänge, die die Herzen weiten, beruhigen, glücklich machen und Wege zur ewigen Glückseligkeit eröffnen. Wir hören sie und lassen mit der Freude darüber, als Muslime erschaffen worden zu sein, ein Lächeln über unser Schicksal regnen.
Das Fest wahrzunehmen und ihm zuzuhören, erweckt in unseren Seelen das Gefühl von sprudelnden Kevser-Quellen. Sobald wir unsere Herzen seinen sanften Winden zuwenden, finden wir uns – wie in einem Traum – im Zentrum einer lichtvollen Vergangenheit wieder, die bis in die Himmel reicht. Alles, was unsere Vorfahren hinterlassen haben, alle Werte, die uns entglitten sind, und alle Kräfte, denen wir unser Dasein verdanken, werden wieder zu den unseren… und die zarten, träumerischen Tage eines „Goldenen Zeitalters“ erscheinen erneut am Horizont. Alles, was mit uns verbunden ist, scheint wieder aufzuleben, als hätte es den belebenden Hauch Israfils vernommen; und gemeinsam mit unseren Vorfahren finden wir uns in einer geheimnisvollen Versammlung von Auferstehung und Begegnung wieder. Dabei erleben wir Vergangenheit und Zukunft zugleich, ineinander verwoben. Ja, im lichtvollen Raum des Glaubens füllen wir uns mit Erinnerungen, die wir noch nie erlebt, gesehen oder uns auch nur vorgestellt haben, die die Maßstäbe des Irdischen übersteigen… wir wandeln in den hellen Klimazonen von Glück und Wonne, und besonders in den dunklen Tunneln der heutigen Welt empfinden wir – als reisten wir an den Hängen des Paradieses – die erhabensten Freuden des Daseins, des Menschseins und des Gläubigseins…
Das Fest macht sich bei Freund und Feind auf sanfteste Weise bemerkbar und setzt alle zuvor geplanten Ordnungen außer Kraft, verschiebt sie und errichtet an ihrer Stelle seine eigene Harmonie. Ja, alle Seelen, die auf andere Gedanken und Rhythmen eingestellt waren, wenden sich beim Hauch dieses Festes – wie die Zauberer vor dem Stab und der leuchtenden Hand Moses – der wahren Richtung zu und sprechen: „So entscheide, wie du willst!“
Das Fest flüstert uns Dinge zu, die sich sonst kaum aussprechen lassen, lässt uns Bedeutungen empfinden, die sich nicht in Worte fassen lassen, und lässt selbst unsere verborgensten Sehnsüchte wie junge Triebe sprießen.
Die Lobpreisungen, Gebetsrufe und Andachten, die überall während des Festes hörbar sind, klingen in unseren Ohren wie das Knarren der Himmelstore; Gratulationen, Segenswünsche, Handküsse und Besuche erinnern an Geist und Sinn unserer ruhmreichen Vergangenheit. Diese jenseitigen Klanggebilde und traditionsreichen Rituale scheinen die Freuden, Sehnsüchte und auch die Traurigkeit unserer Seele auszudrücken.
Das Fest spricht stets eine umfassende Sprache: Es erzählt vom Nichtssein des Menschen, das dem Staub gleicht; von der Barmherzigkeit, die ihn wie Regen die Erde umarmt; von der Wärme unserer Häuser; von der Verbindung unserer Seelen mit dem Jenseits; von der Reise des Menschen, die geheimnisvoll beginnt und kein Ende findet; vom Ziel dieser Reise; und auf gesellschaftlicher Ebene von der Entstehung unseres Volkes, seiner Geschichte, Kultur, Tradition und Ausdrucksweise – und das alles ein- oder zweimal im Jahr, in einer Sprache, die alle erreicht.
Wir, die Kinder dieser schönen Welt, die zur Schönheit bestimmt sind, müssen das, was wir an Festtagen fühlen, verstehen und erleben, bewahren, stärken und weitertragen. Denn diese Feste und ihre Bedeutungen sind das Ergebnis großer Anstrengungen und langer Zeiten.
Das Fest belebt einen Traum, der im Leben liegt, aber tiefer und schöner ist als das Leben selbst, und gibt Hinweise auf eine ideale Zukunft. Es verspricht den Herzen die Tage, die sie erwarten, und antwortet auf das tiefe Verlangen des Menschen nach ewiger Glückseligkeit.
Wir alle sind Kinder von Hoffnung und Sorge. Wir erwarten glücklichere Tage und leben mit der Sehnsucht nach Glück. Wenn wir Zeichen dieser Erfüllung sehen, hoffen wir; sehen wir sie nicht, geraten wir in Sorge.
So wie wir hoffen, trotz aller Mühen und Versuchungen das Paradies zu erreichen, empfinden wir nach einem Ramadan, den wir im Sinne Gottes gelebt haben, eine berechtigte Hoffnung auf göttliche Barmherzigkeit.
Ramadan und die Feste kommen wie regenbeladene Wolken, überschütten uns mit Wohltaten, tragen unsere Sünden fort und lassen uns sagen:
„Möge der Herr uns vergeben – dann wird es wahrhaft ein Fest;
Wenn Schuld und Fehler verschwinden – dann wird es ein Fest.“
Die Grenzenlosigkeit unserer Gefühle und Träume öffnet uns die Tore zur Ewigkeit.
Wer dem Fest zuhört, kostet die feinsten Essenzen von Glück und erreicht höchste Freude.
Feste sind so besonders, dass ihr Kommen ein ganzes Jahr erwartet wird, und ihr Abschied nur durch die Hoffnung auf ihr Wiederkommen erträglich wird.
Und schließlich: Feste sind auch durch das Gebet Feste. Sobald das Gebet beginnt, überschreitet das Fest das Irdische und erhält eine himmlische Bedeutung. Die Menschen betreten die Moscheen, geraten in Ekstase, wenden sich dem Unendlichen zu und erleben tiefe spirituelle Zustände – bis sie in einem Zustand der Hingabe aufgehen, den sie nie wieder verlassen möchten.
Sızıntı, April 1993