Gemeinsam mit Unterschieden leben
Die Menschheit ist heute stärker miteinander verbunden als jemals zuvor in der Geschichte. Durch Technologie, Kommunikation und wirtschaftliche Beziehungen stehen Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturen und Weltanschauungen ständig miteinander in Kontakt. Diese Situation bringt einerseits Vielfalt und Bereicherung mit sich, andererseits aber auch Herausforderungen für das friedliche Zusammenleben.
Kriege, wirtschaftliche Krisen, Klimawandel und Migrationsbewegungen verändern die gesellschaftlichen Strukturen vieler Länder. Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, kämpfen oft mit Fragen der Integration und Identität. Gleichzeitig entstehen in Aufnahmegesellschaften Unsicherheiten, Vorurteile und manchmal auch ausgrenzende oder rassistische Tendenzen.
Gerade in einer solchen Zeit sind Dialog, Empathie und gegenseitiges Verständnis wichtiger denn je. Der Muslim hat die Aufgabe, Brücken zu bauen statt Mauern zu errichten, Menschen näherzubringen statt sie voneinander zu entfernen.
Im Qur’an sagt Allah der Erhabene:
يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَاكُمْ مِنْ ذَكَرٍ وَأُنْثَى وَجَعَلْنَاكُمْ شُعُوبًا وَقَبَائِلَ لِتَعَارَفُوا
„O ihr Menschen! Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Edelste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste.“
(Sure al-Hudschurât, 13)
Dieser Vers zeigt uns, dass Unterschiede kein Grund für Konflikte sind, sondern eine Möglichkeit zur Begegnung, zum gegenseitigen Kennenlernen und zur Zusammenarbeit.
Geschwisterlichkeit im Islam
Einer der wichtigsten Grundpfeiler des Zusammenlebens im Islam ist die Brüderlichkeit. Diese beschränkt sich nicht nur auf familiäre oder ethnische Beziehungen. Vielmehr verbindet der Glaube die Menschen auf einer tiefen spirituellen Ebene.
Im Qur’an heißt es:
اِنَّمَا الْمُؤْمِنُونَ اِخْوَةٌ
„Die Gläubigen sind doch Brüder.“
(Sure al-Hudschurât, 10)
Der Prophet Muhammad (s.a.s.) sagte:
„Der Muslim ist der Bruder des Muslims.“
(Buhârî, Mezâlim 3; Muslim, Birr 58)
Die Grundlage dieser Brüderlichkeit ist Liebe und Barmherzigkeit. Wo Liebe vorhanden ist, kümmern sich Menschen umeinander, helfen einander und stehen sich in schwierigen Zeiten bei.
Der Prophet (s.a.s.) beschrieb dies mit folgenden Worten:
„Die Gläubigen sind in ihrer gegenseitigen Liebe und Barmherzigkeit wie ein Körper. Wenn ein Organ leidet, leidet der ganze Körper mit.“
(Buhârî, Edeb 27; Muslim, Birr 66)
Deshalb schwächen Dinge wie Verleumdung, Misstrauen, Streit und Gleichgültigkeit die Geschwisterlichkeit. Der Gläubige betrachtet Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Prüfung, die mit Geduld und Weisheit bewältigt werden soll.
Nachbarschaft und gesellschaftliche Verantwortung
Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens ist die Nachbarschaft sowie ein respektvoller Umgang mit der Gesellschaft.
Allah der Erhabene sagt im Qur’an:
„Dient Allah und gesellt Ihm nichts bei. Seid gütig zu den Eltern, zu den Verwandten, zu den Waisen, zu den Bedürftigen, zum nahen Nachbarn und zum fernen Nachbarn…“
(Sure an-Nisâ’, 36)
Der Prophet Muhammad (s.a.s.) sagte:
„Der Engel Dschibrîl empfahl mir den Nachbarn so eindringlich, dass ich dachte, er würde ihn sogar zum Erben machen.“
(Buhârî, Edeb 28; Muslim, Birr wa Sila 42)
Und in einem weiteren Hadith heißt es:
„Wer seinem Nachbarn keine Sicherheit gibt, dessen Glaube ist nicht vollkommen.“
(Buhârî, Edeb 29; Muslim, Îmân 73)
Nachbarschaft bedeutet heute nicht nur die Menschen im selben Haus oder in derselben Straße. In einer globalisierten Welt ist die gesamte Menschheit in gewisser Weise unser Nachbar.
Deshalb soll der Muslim:
- niemandem Schaden zufügen,
- hilfsbereit sein,
- Vertrauen vermitteln,
- und ein nützlicher Teil der Gesellschaft sein.
Dialog, Respekt und gutes Vorbild
Nach islamischem Verständnis ist jeder Mensch ein wertvolles Geschöpf Allahs. Deshalb sollen unsere Beziehungen zu Menschen anderer Religionen und Kulturen von Respekt, Gerechtigkeit und gemeinsamen menschlichen Werten geprägt sein.
Im Qur’an heißt es:
„Sprich: O Leute der Schrift! Kommt zu einem gemeinsamen Wort zwischen uns und euch…“
(Sure Âl-i ‘Imrân, 64)
Dieser Vers zeigt, dass der Islam dazu aufruft, gemeinsame Werte hervorzuheben und Brücken des Dialogs zu bauen.
Der Gläubige lebt nicht isoliert von der Gesellschaft. Vielmehr soll er ein Mensch sein, bei dessen Anwesenheit andere Ruhe, Sicherheit und Vertrauen empfinden.
Oft lernen Menschen den Islam nicht zuerst durch Worte kennen, sondern durch das Verhalten der Muslime. Deshalb müssen wir auf unsere Sprache, unseren Umgangston und unser Verhalten achten.
Wir sollten:
- respektvoll sprechen,
- konstruktiv statt verletzend handeln,
- Menschen einladen statt abschrecken,
- und den Islam durch gutes Verhalten repräsentieren.
Schlusswort
Eine Kultur des Zusammenlebens entsteht durch:
- Brüderlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit im Inneren,
- sowie Dialog, Integration und gute Nachbarschaft nach außen.
Wenn wir diese Werte leben, schaffen wir Vertrauen in der Gesellschaft, gewinnen Herzen und kommen der Zufriedenheit Allahs näher.
Möge Allah uns zu Menschen machen,
- die einander lieben,
- einander Barmherzigkeit zeigen,
- ihrer Gesellschaft Nutzen bringen
- und mit ihrem guten Charakter ein Vorbild sind.
Âmîn.