Freitagspredigten (Hutben)
Das Gebet der jungen Menschen und offene Horizonte
Selbst in einem Umfeld von Palästen und Herrschaft können ungerechte Praktiken und Zwang auf den entschiedenen Widerstand junger Menschen stoßen, die nachdenken, glauben und sich dem Götzendienst verweigern. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Geschichte der Gefährten der Höhle, der Ashāb al-Kahf. Sie ließen ihre weltlichen Möglichkeiten zurück und suchten um ihres jenseitigen Lebens willen Zuflucht in einer Höhle. Ein Grund dafür war die unterdrückerische, selbstbezogene, kurzsichtige und am Götzendienst festhaltende Haltung ihrer Zeit. Ihre Zuflucht lässt sich zugleich als Suche nach einem neuen Frühling verstehen: Sie wollten ihre Gottesverehrung vertiefen und innerlich neu aufleben. Die Höhle (al-Kahf) war ihnen bereits bekannt. Von Zeit zu Zeit hatten sie sich dort aufgehalten und ihre Herzen und Seelen dem Jenseits geöffnet (Ünal, 2022).
Die Gefährten der Höhle waren eine kleine Gruppe junger Menschen, die an den einen Gott glaubten, sich nicht aus Eigennutz beugten und ihren Glauben an Seine Einzigkeit rein hielten. Gülen beschreibt sie als junge Gläubige, die eine dem Götzendienst verfallene Gesellschaft verließen, in einer Höhle Zuflucht suchten und durch ihre Geschichte an das Jenseits und die Auferstehung nach dem Tod erinnerten. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt. Aus der koranischen Bezeichnung fitya, einer arabischen Pluralform für eine kleine Anzahl, folgert er, dass es weniger als zehn waren (Gülen, 2011).
In der Geschichte begleitet die jungen Menschen ein Hund, der in Überlieferungen als Hirtenhund beschrieben wird. Auf den ersten Blick mag er nebensächlich erscheinen. Da der Koran ihn ausdrücklich erwähnt, ist er jedoch ein bemerkenswertes Symbol. Er lässt an Schutz und Vorsorge denken; seine Erwähnung lädt dazu ein, weitere Bedeutungsebenen zu bedenken. Auch dass die genaue Zahl der jungen Menschen offenbleibt, kann unterschiedliche Weisheiten enthalten. Vielleicht verweist es darauf, wie viele Menschen gemeinsam einen Weg gehen können, um im Dienst am Glauben zu reifen. Obwohl es nur wenige waren, erinnert die Erzählung an Menschen jeder Zeit, die im Geist der Fütüvvet – einer Haltung von Glauben, Edelmut und verantwortungsvollem Handeln – ihr irdisches Leben im Hinblick auf das ewige Leben gestalten.
Diese Vorbilder des Glaubens werden im Koran mit ihrem Gebet beschrieben:
„Als die jungen Männer in der Höhle Zuflucht suchten, sagten sie: Unser Herr, schenke uns Barmherzigkeit von Dir und bereite uns in unserer Angelegenheit einen rechten Weg.“
(Sure al-Kahf, 18:10)
Im Inneren der Höhle: Die psychologische Perspektive
Ein aufrichtiges Gebet an einem Ort, den man für die Hinwendung zum Jenseits gewählt hat, bringt ein echtes Bedürfnis zum Ausdruck. Der Koran verweist darauf, welche Bedeutung das Gebet des Menschen vor Gott hat (Sure al-Furqān, 25:77). Die Bitten der jungen Menschen um Barmherzigkeit und um einen guten Ausgang ihrer Angelegenheit zeigen, dass sie zunächst Schutz vor dem suchten, was sie zur Flucht bewogen hatte. Ihr Aufenthalt in der Höhle kann – ähnlich wie Josephs Wunsch, lieber im Gefängnis zu sein – als Zeichen göttlicher Barmherzigkeit verstanden werden. Die ersehnte Sicherheit erforderte danach auch überlegte Schritte.
Barmherzigkeit und Orientierung brauchen junge Menschen auf ihrem gesamten Weg, wenn sie ihr Leben mit Blick auf das Jenseits führen möchten. Für Generationen, die sich am Koran und an der Sunna orientieren, liegt in diesem Gebet daher eine wertvolle Hilfe, ihren Weg beständig weiterzugehen.
Die jungen Menschen, die in dieser Höhle der Erkenntnis und inneren Bildung Zuflucht suchten, baten Gott um zweierlei: um Barmherzigkeit und um die Fähigkeit, richtig zu erkennen und entsprechend zu handeln. Barmherzigkeit steht im Gegensatz zu Strafe und Bedrängnis (Sure Fussilat, 41:50). Sie ist eine Gabe, die den Weg durch dieses Leben und zum Jenseits sicher macht. Zugleich erinnert sie daran, dass alles Gute von Gott kommt. Ohne Seine Barmherzigkeit können Herz und Seele das Wahre nicht wirklich erkennen und sich ihm zuwenden. Aus dieser Sicht ist es besonders bedeutsam, dass der Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) als Barmherzigkeit für die Welten gesandt wurde.
Mit ihrer Bitte um Ruschd baten die Gefährten der Höhle um Orientierung für jeden ihrer nächsten Schritte. Das Wort bezeichnet die Fähigkeit, das Richtige zu finden, Reife zu erlangen, gute Entscheidungen zu treffen und geistig wie moralisch verantwortungsvoll zu handeln. Daran zeigt sich, wie treffend die Worte ihres Gebets gewählt sind.
Auffällig ist auch, dass der Koran das Gebet in der Mehrzahl wiedergibt: „Sie sagten.“ Der Ablauf der Geschichte lässt daran denken, dass die jungen Menschen dieses Gebet gemeinsam sprachen, nachdem sie die Höhle betreten und Gott angebetet hatten. Die Formulierung erinnert damit auch an gemeinsames Gebet in Häusern, die dem Gottesdienst gewidmet sind, wie es aus der Zeit Moses’ (Friede sei auf ihm) bekannt ist.
Über das Umfeld, das die jungen Menschen verließen, lässt sich Folgendes sagen: Die Geschehnisse am römischen Hof erscheinen zunächst als Konflikt zwischen Glauben und Unglauben. Im Kern ging es jedoch auch um die unterdrückerische Haltung einer Macht, die am Götzendienst festhielt. Der Koran erklärt, dass selbst die Menschen in Mekka an Gott glaubten und Seine Macht kannten. Auf die Frage, wer Himmel und Erde erschaffen habe, antworteten sie: „Allah“ (Sure al-ʿAnkabūt, 29:61). Warum widersetzten sie sich dann dem Gesandten Gottes, der dieselbe Wahrheit aussprach?
Auf den ersten Blick spielten die Bindung an den Glauben der Vorfahren, Selbstbezogenheit und das Festhalten an Macht eine Rolle. Dahinter stand die Bereitschaft, Gott andere Mächte an die Seite zu stellen – sowohl im persönlichen Leben als auch in der gesellschaftlichen Ordnung. Auch am damaligen römischen Hof prägte der Götzendienst das Denken. Die Herrschenden sahen schon in kleinen Veränderungen eine Gefahr für das bestehende System. Vielleicht fürchteten sie auch, dass ihre Ungerechtigkeiten sichtbar würden und ihr Leben im Glanz bedroht wäre. Weil ihr Blick auf das materielle Leben begrenzt war, konnten sie Menschen mit einer auf die Ewigkeit gerichteten Lebenshaltung nicht verstehen. Die jungen Menschen, die vom Licht des Glaubens an Gottes Einzigkeit erfüllt waren, erschienen ihnen deshalb als Bedrohung.
Auch heute stehen Schwierigkeiten an vielen Orten der Welt mit unterdrückerischen und selbstbezogenen Systemen in Verbindung. Manchen Machthabern kommt es gelegen, wenn junge Menschen durch Druck oder Ablenkung ihre Möglichkeiten nicht entfalten können; sie halten dies für die Fortdauer ihrer Ordnung sogar für nötig. Menschen, die mit dem Wunsch nach Barmherzigkeit und Ruschd aufgewachsen sind und Verantwortung tragen, sollten das Gegenteil tun. Bildung, die heute weltweit und auf vielen Plattformen stattfindet, muss deshalb mit einem weiten Horizont gestaltet werden.
Eines ist deutlich geworden: Die Welt braucht junge Menschen, die in einem vom Glauben geprägten Umfeld herangewachsen sind und Barmherzigkeit, Weisheit und Aufrichtigkeit in alle Lebensbereiche tragen. Fehlen sie, gleicht das einem Mangel an einem wichtigen Vitamin oder Element im Körper. Die Kräfte schwinden, und Ziele lassen sich schwerer erreichen. Die Entwicklungen in Anatolien während des letzten Vierteljahrhunderts zeichnen ein solches Bild.
Außerhalb der Höhle: Die gesellschaftliche Perspektive
Der Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) trat nach den Erfahrungen in der Höhle Hira mitten ins Leben. Die geistige Bildung, für die die Höhle steht, brachte er zunächst in die Häuser. Das unter seiner Führung beginnende Zeitalter der Glückseligkeit war in gewisser Hinsicht auch eine Bewegung junger Menschen. Er hatte gerade das vierzigste Lebensjahr überschritten und wusste, wie man mit jungen Menschen gemeinsam einen Weg geht.
Der Gesandte Gottes wandte sich selbstverständlich an die gesamte Gesellschaft. Er lud auch jene zur Wahrheit ein, die am Götzendienst und an ihren überlieferten Gewohnheiten festhielten. Doch für viele von ihnen waren Vorurteile, Hochmut, Stolz und persönliche Interessen schwer zu überwindende Hindernisse. Junge Menschen konnten sich häufig schneller davon lösen.
Die Hizmet-Bewegung, die sich an Koran und Sunna orientiert und sich die Generation der Gefährten des Propheten zum Vorbild nimmt, verdankt einen wesentlichen Teil ihrer Entwicklung jungen Begabungen. Sie wurden ermutigt, konnten Verantwortung übernehmen und ihre Fähigkeiten zur richtigen Zeit für gute Ziele einsetzen. Dass an vielen Orten der Welt wertvolle Arbeit entstanden ist, wurde durch junge Menschen und durch erfahrene Menschen möglich, die ihnen Wege eröffneten. Auch wenn sich frühere und spätere Generationen nicht strikt voneinander trennen lassen, werden Glaube, Tatkraft und Einsatz junger Menschen die Zukunft mitgestalten.
Der Rückzug der Gefährten der Höhle unter dem Druck ihrer Umgebung und ihr Gebet können uns unter vielen anderen auch diese Botschaft vermitteln: Seid vorausschauend und offen für Erneuerung, damit die Generationen nach euch sich nicht von euch abwenden und Zuflucht in Höhlen suchen müssen. Geht den Weg gemeinsam mit ihnen. So bleiben euch neue Horizonte offen. Hindert euch selbst und die Gesellschaft, auf die ihr Einfluss habt, nicht durch Entscheidungen und Praktiken daran, in wahrer Freiheit voranzukommen. Denn die Werte, die ihr als die euren betrachtet, haben eine universelle Bedeutung.
Seit dem Zeitalter der Glückseligkeit haben viele Menschen die Welt des Denkens und Fühlens geprägt. Auch die jungen Menschen von heute, die Wissen, Wahrheit und Glauben suchen, können morgen zu ihnen gehören. Was sie auszeichnen wird, ist nicht, Erfolge allein sich selbst zuzuschreiben. Ruhm in dieser vergänglichen Welt ist ebenfalls vergänglich. Wer seine Möglichkeiten für das Bleibende einsetzt, wird den größeren Gewinn finden.
Junge Menschen, die wie die Gefährten der Höhle in großen und kleinen Schwierigkeiten um Barmherzigkeit und Ruschd bitten, können auch heute Schönes in die Welt tragen. Wenn sie zugleich denen Respekt erweisen, die ihnen Wege eröffnet haben, entstehen offene Horizonte, in denen die Menschheit aufatmen kann.
Auf dieser wertvollen und schwierigen Reise werden vor allem jene zu Vorbildern, die ihr eigenes Ego überwinden. Sie bleiben nicht bei den Grenzen ihres Wissens stehen, sondern hören anderen guten Gedanken zu, schätzen sie und öffnen sich dadurch weiten Horizonten. Solche Menschen verkörpern den Geist der Fütüvvet und verdienen es, dass andere ihrem Beispiel folgen.
Quellen
Gülen, M. F. (2011): Prizma 7 (Zihin Harmanı), S. 44. Nil Yayınları.
Ünal, A. (2022): Kehf Sûresinin 10–11. Âyetlerinin Tefsiri / Kur’ân Ufku, Folge 11. YouTube (abgerufen am 23. Juli 2026).
Via: https://caglayandergisi.com/2026/09/01/genclerin-duasi-ve-acik-ufuklar/